Literaturverwaltung

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Mitmachen statt Wegdösen – Interaktive Citavi-Schulungen an der SUB Göttingen

von Roland Wagner

Die SUB Göttingen bietet seit Anfang dieses Jahres mit großem Erfolg interaktive Citavi-Schulungen für Einsteiger an. Im Unterschied zum zuvor eingesetzten Konzept, das frontal ausgerichtet war, nehmen nun Gruppenarbeiten den größten Teil der Zeit ein. Als eine Kollegin unser Konzept vor kurzem auf dem 6. Bibcamp in Nürnberg vorstellte, stieß sie damit auf großes Interesse: Die meisten Bibcamp-Teilnehmer hatten lediglich Erfahrungen mit Schulungen, die von Frontalvortrag und Dozenten-Präsentation geprägt sind. Diese tragen jedoch stets das Risiko in sich, dass die Teilnehmenden nach ca. 20 Minuten wegdösen. In diesem Beitrag möchte ich das Konzept der interaktiven Schulungen an der SUB Göttingen skizzieren und auf die Vor- und Nachteile gegenüber frontal ausgerichteten Schulungen eingehen.

Die Schulung, die in der Praxis ca. 90 bis 105 Minuten dauert, besteht aus vier Phasen: Zunächst erläutert der/die DozentIn Sinn und Zweck von Literaturverwaltungssoftware und erklärt die Programmoberfläche von Citavi. Diese Phase soll möglichst nicht mehr als ca. 20 Minuten in Anspruch nehmen.

Es folgt eine erste Übungsphase, in der die Teilnehmenden in 2er-Gruppen am PC anhand von Aufgabenbögen je einen von drei Aufgabenbereichen A, B und C bearbeiten. In der anschließenden zweiten Übungsphase werden die Gruppen neu zusammengesetzt: In Dreiergruppen, in denen jeweils eine Person vertreten ist, die Aufgabenbereich A, B oder C bearbeitet hat, erläutern sich die Teilnehmenden am PC gegenseitig, welche Aufgaben zu lösen waren und wie die Lösungswege aussehen. Diese Arbeit mit neu gebildeten Gruppen kommt dem nahe, was in der Pädagogik als „Karussell-Methode“ bezeichnet wird. Beide Übungsphasen dauern ca. 20 bis 30 Minuten.

In einer abschließenden Phase, die der/die DozentIn moderiert, werden neu aufgekommene und verbliebene Fragen beantwortet, und es werden praktische Hinweise zum Download der Software (z.B. Campus-Lizenz) und dem Support gegeben (ca. 10 bis 20 Minuten).

Der grundlegende Aufbau ist stark an eine Schulung angelehnt, die Carla Freise an der Bibliothek der TU Berlin entwickelt hat. Sie hat mir freundlicherweise die Nachnutzung gestattet, und in der Folge habe ich ähnliche Citavi-Schulungen an der Bibliothek der HU Berlin und der SUB Göttingen eingeführt. An HU und SUB haben wir die Teilnehmenden öfters Evaluationsbögen ausfüllen lassen, in denen zumeist große Zufriedenheit geäußert wird. Vor allem ist es ermutigend, dass das Verhältnis von „Vortrag“ zu „eigenem Arbeiten“ trotz des ungewöhnlich hohen Anteils an Eigenarbeit von fast allen Teilnehmenden als „genau richtig“ bewertet wird.

Der Einsatz von aktivierenden Elementen wird von den Schulungsteilnehmenden also geschätzt. Zu den Vorteilen unseres Konzeptes gegenüber Frontalunterricht zählt für mich insbesondere:

  • Es fällt den Teilnehmenden durch das eigene Aktivwerden leichter, beim Thema zu bleiben und nicht wegzudösen oder im Internet zu surfen. Die Arbeit in Kleingruppen übt zusätzlich einen sanften sozialen Druck aus, sich wirklich mit den Schulungsinhalten auseinanderzusetzen.
  • Die Bearbeitung der Schulungsaufgaben in Zweierteams bringt mit sich, dass Stärkere Schwächere mitziehen – keiner sieht sich allein mit den Aufgaben konfrontiert. Gleichzeitig ermöglicht dies je nach PC-Ausstattung eine höhere Auslastung des Schulungsraums.
  • Die „Karussell-Methode“ führt dazu, dass Teilnehmende sich die Sachverhalte gegenseitig aus ihrer eigenen Sicht und mit ihren eigenen Worten erklären – das wirkt der potenziellen Gefahr entgegen, dass der/die DozentIn Vorwissen und Lebenswelt der Teilnehmenden nicht ausreichend berücksichtigt.
  • Aktivierende Methoden führen zu einem größeren Lernerfolg. Was man sich selbst erarbeitet hat, bleibt besser hängen – erst recht, wenn man die Lösungsschritte anderen gleich noch einmal vermittelt.
  • Der Aspekt des Ausprobierens ist bei Citavi-Schulungen besonders sinnvoll, da je nach den persönlichen Anforderungen Teilnehmende später evtl. nur bestimmte Programmteile nutzen wollen und weil es viele alternative Literaturverwaltungsprogramme gibt. Auf diese Weise bekommt man ein Gefühl dafür, ob einem genau diese Software liegt.
  • Durch die Verteilung des Stoffes auf drei Gruppen kann exemplarisch recht viel Inhalt vermittelt werden.
  • Für die DozentInnen verlaufen diese Schulungen aufgelockerter und entspannter als bei einem 90minütigen Frontalvortrag, auch wenn es bei zweistelligen Teilnehmerzahlen in beiden Arbeitsphasen recht viele Nachfragen gibt und man gut damit beschäftigt ist, von Gruppe zu Gruppe zu gehen und Fragen zu beantworten.
  • Oft herrscht während der Schulungen eine ausgesprochen angenehme und angeregte Stimmung, da die Teilnehmenden gemeinsam konstruktiv an der Lösung der Aufgaben arbeiten, es immer wieder Aha-Effekte gibt und da viele miteinander darüber ins Gespräch kommen, wofür genau sie Literaturverwaltung im Studium oder bei der wissenschaftlichen Arbeit einsetzen wollen.

Doch auch mögliche Nachteile dieses Schulungskonzeptes sollen nicht verschwiegen werden:

  • Es gibt ab und an eher verzagte Teilnehmende, die sich nicht richtig trauen, einfach mal die Software auszuprobieren. Potenziell wird dieses Problem durch die Arbeit in 2er-Gruppen gemildert. Zudem sind die Lösungen hinten in den Schulungsbögen enthalten – wer gar nicht zurechtkommt, kann einfach den angegebenen Lösungswegen folgen.
  • Trotz klarer Beschreibung der Schulungsinhalte auf unserer Webseite gibt es ab und an Teilnehmende, die bereits „zu viel“ Vorwissen haben und das meiste schon beherrschen, was sich negativ auf die Gruppenarbeit auswirken kann (bei Frontalschulungen kommt es auch vor, das Teilnehmende bereits das meiste wissen und sich langweilen – das wirkt sich jedoch weniger stark auf die übrige Gruppe aus). Da wir derzeit keine weiterführenden Schulungen anbieten, kommen offenbar auch Leute in unsere Einsteiger-Schulung, die auf die Klärung eher spezieller Fragen und Probleme hoffen. Diesem Problem könnte mit dem Angebot von Fortgeschrittenen-Schulungen oder Literaturverwaltung-Workshops begegnet werden.
  • Ein großes Problem sind ungenügende Sprachkenntnisse einzelner Teilnehmender, was die Gruppenarbeit fast unmöglich machen kann (auch individuelle sprachliche Probleme fallen bei Frontalschulungen weniger auf). Regelmäßige Schulungsangebote auch auf Englisch könnten hier Abhilfe schaffen.
  • Bei zweistelligen Teilnehmerzahlen bietet es sich an, zumindest während der Gruppenarbeitsphasen mit zwei DozentInnen zu arbeiten, um Fragen und Probleme in den einzelnen Gruppen besser adressieren zu können und um ggf. in der zweiten Übungsphase Gruppen zu vervollständigen, wenn sich die Teilnehmerzahl nicht durch drei teilen lässt. Das bringt einen erhöhten Personaleinsatz mit sich.

Die Vorteile überwiegen für mich deutlich, und ich möchte alle KollegInnen dazu ermuntern, in Schulungsveranstaltungen an Bibliotheken stärker von der frontalen Präsentation weg zu kommen. Aus interaktiven Schulungen können die TeilnehmerInnen mehr mitnehmen und schon erste kleine Erfolge mit der Software verbuchen, und alle Beteiligten haben mehr Spaß.

Für alle, die Interesse bekommen haben: Auf der Webseite der SUB Göttingen bieten wir die Unterlagen, die wir in unseren Schulungen einsetzen (Aufgabenbögen und Schulungsprojekt), zum Selbststudium an – eine Nachnutzung ist möglich (CC-by-Lizenz). Wer sich zudem den skizzenhaften Ablaufplan für unsere DozentInnen anschauen möchte oder sonstige Fragen hat, kann gern eine E-Mail an literaturverwaltung[at]sub.uni-goettingen.de richten.

Einsortiert unter:Services & Support, , ,

3 Responses

  1. […] In einem Beitrag auf dem Blog “Literaturverwaltung” wird die aktivierende Methode bei der Einführungsveranstaltung für Citavi geschildert. […]

  2. […] mit Citavi. Diese sind online verfügbar und stehen unter CC-By-Lizenz. Dankeschön! In einem Blogbeitrag bei Literaturverwaltung berichtete Roland Wagner über das […]

  3. Lydia sagt:

    Waoh, vielen Dank für diesen Beitrag und Lob für die zur Verfügung gestellten Materialien!

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