Literaturverwaltung

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Aktuelles – Analysen – Austausch zu Software und Services für die persönliche Literatur- und Wissensorganisation

1.000 Antworten auf die Frage: Literaturverwaltung — Was benutzen Sie, was brauchen Sie?

Vor drei Monaten war u.a. hier im Blog die Umfrage der TIB/UB Hannover zum Thema Literaturverwaltung angekündigt worden. Herausgekommen ist ein Einblick in die aktuellen Kenntnisse und Bedürfnisse von Literaturverwaltungs-Benutzern, der seinesgleichen sucht. Es sind nicht weniger als 1.000 Antworten eingegangen. Die Rohdaten der Antworten finden Sie hier; eine interaktive HTML-Seite, um ad hoc eigene Filtersets auszuprobieren, hier. Ich freue mich über jede Auswertung oder Darstellung der Daten durch interessierte Dritte!

In diesem Artikel will ich mich darauf beschränken, naheliegende Fragen zum Datenmaterial zu beantworten, sowie einige erste Hinweise auf interessante Zusammenhänge insbesondere zwischen Fächerzugehörigkeit und Literaturverwaltungs-Kenntnissen bzw. -Wünschen zu geben. Ich bitte um Fragen, Kritik und Ergänzungen.

Für welche Gruppe sind die Befragten repräsentativ?

Ganz klar: Für gar keine. Dies war KEINE repräsentative Umfrage. Der Link zur Umfrage wurde wild gestreut, auf daß möglichst viele daran teilnehmen. Ich habe den Link in meinem persönlichen sozialen Netzwerk bei Twitter und Co. verbreitet und ihn an die bibliothekarische Mailingliste Inetbib geschickt. Er wurde von Citavi in einem Newsletter für Campus-Lizenznehmer erwähnt. (Vielen Dank!) Ich habe ihn auf Doktorandenforum.de gepostet, ein Kollege hat das gleiche in der deutschsprachigen BibTeX-Newsgroup getan. (Danke Bernhard!) Er wurde auf die interne Startseite des Kursmanagementsystems der Uni Hannover gepostet. (Danke Cornelis! — Wir in Hannover freuen uns natürlich besonders darüber, daß mehr als 400 Universitätsangehörige teilgenommen haben, darunter mehr als 300 Studierende.) Und er wurde mit Sicherheit über weitere Wege verbreitet, die ich nicht überblicke.

Da die befragten Personen also nicht repräsentativ für eine irgendwie bestimmte Grundgesamtheit stehen, sollte man sich hüten, aus den Zahlen exakte Schlüsse zu ziehen. Man kann und sollte die Zahlen vielmehr explorativ lesen. Anhand auffällig großer Differenzen zwischen Antworten auf verschiedene Fragen bzw. aus verschiedenen Personengruppen lassen sich einige Trends vermuten — nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Fächer und ihre Kenntnissen und Vorlieben, die Literaturverwaltung betreffend — einige erste Hinweise

Es war kaum anders zu erwarten: Die Umfrageteilnehmer arbeiten überwiegend mit Microsoft-Betriebssystemen, Mac und Linux machen je etwa ein Zehntel aus. Auffällige Ausnahme sind die Naturwissenschaftler — hier war bei den Umfrageteilnehmern Linux etwa doppelt so stark verbreitet wie im restlichen Teilnehmerfeld. Juristen arbeiten offenbar besonders selten mit Linux.

Neben Citavi sind in einigen Fächern BibTeX, Zotero, sowie der Microsoft Word Quellenmanager bekannt

Die meisten Umfageteilnehmer haben Citavi schon mal ausprobiert oder verwenden es regelmäßig. Dahinter folgen, mit deutlichem Abstand, Zotero, und dann nochmals mit Abstand alle anderen Produkte.

Doch das ist keineswegs in allen Fächern so. Unter Ingenieuren und Naturwissenschaftlern ist Citavi weit weniger bekannt, die mindestens genauso wichtige Alternative ist in diesen Fächern BibTeX (und passenderweise das unter BibTeX-Benutzern verbreitete JabRef). Doch hier gibt es noch ein auffälliges Detail: Die Naturwissenschaftler sind mit BibTeX weit besser vertraut als mit allen Alternativen. Bei den Ingenieuren hingegen liegen die Bekanntheit von Citavi und BibTeX etwa gleichauf, fast ebenso bekannt ist jedoch auch der Quellenmanager von Microsoft Word — der in anderen Fächern (noch?) nahezu unbekannt ist.

Die größte Bekanntheit genießt Citavi bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern, gefolgt von den Juristen. Interessanterweise sind speziell die Geisteswissenschaftler zugleich sehr vertraut mit Zotero: Die Hälfte von ihnen hat es schon mal ausprobiert oder verwendet es regelmäßig.

Lieber im Browser recherchieren und die Literaturverwaltung zum Ordnen von PDFs und Wissen einsetzen — neue Anwendungsszenarien haben ihre Anhänger gefunden

Mehr als zwei Drittel der Umfragteilnehmer wollen ihr Literaturverwaltungsprogramm auch als Suchinstrument benutzen (d.h. dieses Feature ist ihnen „wichtig“ oder „sehr wichtig“), aber die Integration von Literaturverwaltung mit dem Browser als primärem Suchinstrument ist inzwischen noch populärer geworden. Drei Viertel der Teilnehmer wollen Literaturverwaltung als Instrument zu Verwaltung von PDFs und ähnlichem einsetzen. Auch die nicht ganz selbstverständliche Idee, Literaturverwaltungs-Anwendungen zur Wissensorganisation einzusetzen, ist sehr populär.

Immerhin fast die Hälfte der Teilnehmer findet es wichtig, gemeinsam online Literatur verwalten oder ihre persönliche Publikationsliste abbilden zu können — beides ist aber bei weitem noch nicht so populär wie die Integration von Literaturverwaltung in die Textverarbeitung auf dem eigenen Rechner. Das von fast 90% gewünschte Top-Feature ist, kaum überraschend, das Verwalten, Filtern und Auflisten von Literaturangaben.

Naturwissenschaftler fanden das Verwalten von PDFs und die Integration in Textverarbeitung nicht ganz so wichtig wie der Rest. Letzteres ist angesichts der Vorliebe für BibTeX/LaTeX nicht überraschend. Auch die ungewöhnliche Integration von Wissensorganisation in Literaturverwaltung stößt je nach Fach auf unterschiedlich großes Interesse: Fast 90% der Geisteswissenschaftler finden das wichtig oder sehr wichtig, bei den Ingenieuren sind es immerhin ca. 70%.

Viele Juristen sind auf der Suche nach der passenden Literaturverwaltung

Es überrascht kaum, daß bei weitem die meisten Teilnehmer dieser Umfrage bereits Werkzeuge haben, die als wichtig empfundene Funktionen erfüllen. Vergleichsweise zurückhaltend wird diese Frage von Juristen beantwortet; immerhin deutlich die meisten der an der Umfrage teilnehmenden Juristen haben die Frage positiv beantwortet.

Ebenfalls kaum überraschend mag für Personen, die über den Link zu einer Online-Umfrage stolpern (und dann auch daran teilnehmen) die optimistische Selbsteinschätzung bezüglich der eigenen Online-Lernfähigkeit sein: Quer durch alle Fächer sehen die allermeisten Befragten kein großes Problem darin, sich selbständig über Literaturverwaltungs-Software zu informieren; die Hochschule soll bitte einfach kostenlos Anwendungen per Campus-Lizenz o.ä. zur Verfügung stellen. Dies ist eines von mehreren Themen, für die sich definitiv die Lektüre der neunzig Teilnehmenden-Kommentare lohnt. Es wird mehrmals dafür plädiert, gerade an Hochschulen auf freie Software bzw. freie Formate zu setzen.

Literaturverwaltungs-Schulungen — Ja bitte!, als Präsenzveranstaltung oder individuelle Beratung — Noch besser! (Es sei denn, man spricht LaTeX/BibTeX)

Eindeutig die meisten Teilnehmenden würden an Online-Schulungen über Literaturverwaltung teilnehmenden, unter den Naturwissenschaftlern sind es allerdings nicht einmal die Hälfte. Mein Ad-hoc-Vermutung ist, daß dies mit der BibTeX-Kultur der Naturwissenschaftler zusammenhängt — die meisten Befragten werden hier ohnehin bereits einen gewissen eigenen Lernaufwand hinter sich haben und daher kaum noch erwarten, viel neues beigebracht zu bekommen.

Überraschend fand ich, daß das hohe Interesse an Online-Schulungen quer durch alle Fächer nochmals getoppt wurde durch ein noch größeres Interesse an Präsenz-Schulungen. Bei den Ingenieuren ist das ganz besonders deutlich zu erkennen, während das Interesse der Naturwissenschaftler an Präsenz-Schulungen ebenso (relativ) gering ist wie an den Online-Formen. Und noch ein wenig größer ist das Interesse an individueller Beratung. Hier sticht das besonders hohe Interesse der Juristen hervor, was sehr gut zu der oben angesprochenen zurückhaltenden Einschätzung der eigenen Ausstattung mit bedarfsgerechter Literaturverwaltung paßt.

Unterstützung vor Ort? — Unbekannt oder nicht zufrieden stellend! (Es sei denn, man ist Geistes- oder Sozialwissenschaftler)

Aus meiner bibliothekarischen Sicht war ich auf die Beantwortung der beiden letzten Fragen gespannt: Wie bekannt sind die unterstützenden Dienste vor Ort, wie groß ist die Zufriedenheit damit? — Kurz gesagt: Geistes- und Sozialwissenschaftler glauben jeweiligen Angebote gut zu kennen und sind damit überwiegend auch zufrieden. Das unterscheidet sie deutlich von Angehörigen anderer Fächer. Naturwissenschaftler fühlen sich kaum informiert, sind aber trotzdem überwiegend zufrieden. (Nicht überraschend, vgl. meine Hypothese über die BibTeX-Kultur der Naturwissenschaftler, oben.) Bei den Juristen und Ingenieuren hingegen korrespondiert dem eigenen Informationsdefizit auch eine deutlich erkennbare Unzufriedenheit mit dieser Situation.

Randbemerkung zum Auswerten und Vergleichen der Zahlen: „Unique by IP-Address“?

Die interaktive Ergebnisansicht von Obsurvey bietet oben auf der Seite einen Filter „unique by address“ an. Ich halte es aus den folgenden zwei Gründen für nicht weiter hilfreich, diesen Filter zu verwenden:

  • Das Umfragetool war so konfiguriert, daß Teilnehmende nicht ohne weiteres mehrmals teilnehmen konnten. Nur wer gezielt den Umfrage-Cookie löschte oder einen anderen Browser benutzte konnte „mißbräuchlich“ mehrmals abstimmen. So etwas ist zwar denkbar, aber es gibt plausiblere Gründe, daß mehrere Antworten unter einer IP-Adresse erscheinen. (Z.B. Router an Arbeitsplätzen in kleinen Büros und Zuhause, die NAT verwenden.)
  • Der Filter kann auf die exportierten Rohdaten (s.o.) nicht angewendet werden. Die Vergleichbarkeit zwischen Auswertungen der ansonsten völlig inhaltsidentischen Datensets wäre somit nicht mehr gegeben. Daß Obsurvey den Export der individuellen IP-Adressen von Umfrageteilnehmern nicht zuläßt ist übrigens nachvollziehbar, denn diese Zuordnung dürfte datenschutzrechtlich problematisch sein.

„Neue Anwendungsszenarien“ in der Literaturverwaltung? — Weiterführende Lektüre

Zu den von mir oben so genannten „neuen Anwendungsszenarien“ möchte ich noch einmal auf einen vieldiskutierten Beitrag zur Zukunft der Literaturverwaltung neulich hier im Blog verweisen, sowie auf den Aufsatz Bibliographie und Sacherschließung in der Hand vernetzter Informationsbenutzer von 2007  (Vgl. auch Folien zu Vorträgen und Seminaren über Literaturverwaltung.)

Lambert Heller

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11 Responses

  1. tempelb sagt:

    Vielen Dank, Lambert, für die Daten und die interaktive Auswertung sowie die ersten Gedanken dazu. Vorerst nur eine kleine Korrektur: Eine „deutschsprachige BibTeX-Newsgroup“ gibt es nicht, ich hatte den Aufruf zur Beteiligung an der Umfrage in der deutschsprachigen TeX-Newsgroup bekannt mitgeteil (http://groups.google.com/group/de.comp.text.tex/topics).

  2. […] auch in de.comp.text.tex gepostet worden. Lambert Heller hat die Ergebnisse der Umfrage heute zusammengefaßt. Sie erlauben ein Blitzlicht auf die derzeitige Nutzung von BibTeX im wissenschaftlichen […]

  3. […] können u.a. hier  abgefragt werden. Eine Zusammenfassung bietet Lambert Heller in einem Weblog-Beitrag der Plattform »Literaturverwaltung & Bibliotheken«, wo er versucht »naheliegende Fragen zum […]

  4. […] können u.a. hier  abgefragt werden. Eine Zusammenfassung bietet Lambert Heller in einem Weblog-Beitrag der Plattform »Literaturverwaltung & Bibliotheken«, wo er versucht »naheliegende Fragen zum […]

  5. […] 1.000 Antworten auf die Frage: Literaturverwaltung — Was benutzen Sie, was brauchen Sie? « Litera… […]

  6. […] der TIB Hannover initiert hatte. Eine erste kurze Auswertung der Ergebnisse findet man im Blog Literaturverwaltung & Bibliotheken). Danach wurde Citavi von den meisten schon getestet und viele verwenden es aktiv. Zotero folgte […]

  7. […] und Workshops “in Echtzeit” — laut Umfrage stehen “reale” Workshop-Situationen und -Beratung  hoch im Kurs, noch höher sogar als […]

  8. […] im ersten Post die Beweggründe dargestellt: Immer häufiger werden wir nach Rat und Orientierung im Dschungel der Programme (und Webdienste!) zur digitalen Wissensorganisation und Literaturverwaltung gefragt. Wir können […]

  9. […] einem aktuellen Beitrag im Weblog “Hatori Kibble” sehr darüber, dass die Rohdaten der hier vorgestellten Ergebnisse der Hanoveraner TIB/UB-Literaturverwaltungsumfrage “Citavi, Endnote, Zotero und […]

  10. […] dennoch erfreut sich diese Software sowohl bei Benutzern als auch bei Entwicklern auch hierzulande großer Beliebtheit. Wichtige Innovationen im Bereich der Literaturverwaltung wie ContextObjects in Spans (COinS) und […]

  11. […] häufiger werden wir nach Rat und Orientierung im Dschungel der Programme (und Webdienste!) zur digitalen Wissensorganisation und Literaturverwaltung gefragt. Wir können […]

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